Als Hundetrainerin höre ich diesen Satz sehr oft:
„Mein Hund testet gerade seine Grenzen aus.“
Oder: „Der weiß ganz genau, dass er das nicht darf und will mich jetzt ärgern.“
Doch wollen unsere Hunde uns in solchen Momenten wirklich provozieren?
Denken sie so weit voraus - oder liegt die Ursache für das sogenannte „Fehlverhalten“ nicht viel häufiger in fehlender Klarheit, verwirrenden Strukturen oder schlicht im Lernprozess selbst? In diesem Blogbeitrag gehen wir der Sache auf den Grund.
Testen Hunde wirklich Grenzen aus – oder denken wir zu menschlich?
Der Begriff „Grenzen austesten“ stammt eher aus der Kindererziehung und wird oft unreflektiert auf Hunde übertragen. Meist verstehen wir darunter, dass der Hund ein bestimmtes Verhalten zeigt, um zu prüfen, wie sein Mensch darauf reagiert.
Doch Hunde funktionieren anders.
Hunde lernen durch Erfahrungen, Konsequenzen und Wiederholungen. Sie handeln situativ, nicht strategisch, und sie leben im Moment. Hinter ihrem Verhalten steckt kein moralisches Konzept von „darf ich“ oder „darf ich nicht“.
Vielmehr geht es aus Hundesicht um eine ganz andere Frage:
"Welche Konsequenzen hatte dieses Verhalten bisher für mich?" Oder: "Welches Verhalten lohnt sich am meisten für mich und ist in meinen Augen das richtige Verhalten in dieser Situation."
Wenn ein Hund eine Situation noch nicht kennt oder ein Verhalten noch nicht ausreichend gelernt hat, probiert er schlicht aus, welches Verhalten sich lohnt. Dieses natürliche Lernverhalten bezeichnen wir Menschen dann häufig als „Grenzen austesten“.
Oft waren die Konsequenzen für den Hund bisher einfach:
- zu unklar
- zu spät
- widersprüchlich
oder aus Hundesicht nicht nachvollziehbar.
Ein Verhalten wird immer dann wieder gezeigt, wenn es sich für den Hund bereits einmal gelohnt hat - selbst dann, wenn wir Menschen der Meinung sind, dass doch eigentlich klar sein müsste, dass er das nicht darf.
Gründe für "Fehlverhalten"
Was wir als Grenzentesten interpretieren, hat in der Praxis meist ganz andere Gründe, zum Beispiel:
- fehlende oder unklare Strukturen
- fehlende Klarheit in der Kommunikation
- Inkonsequenz im Alltag
- hohe Motivation oder starke Ablenkung
- Stress oder Überforderung
- Übersprungs- oder Ausweichverhalten
Typische Situationen, die fälschlich als „Grenzen austesten“ gelten
„Drinnen hört er super, draußen gar nicht“
Draußen sind die Ablenkungen viel größer als in der Wohnung. Gerüche, Geräusche, Bewegungen und andere Hunde stehen in direkter Konkurrenz zu uns.
Funktioniert ein Signal draußen nicht zuverlässig, ist das kein Grenzentest, sondern ein Zeichen dafür, dass im Training ein Schritt zurückgegangen werden muss.
„Der Rückruf klappt plötzlich nicht mehr“
Es sollte überprüft werden:
- Ist der Rückruf ausreichend gut aufgebaut?
- Wird er wirklich lohnend und bedürfnisorientiert belohnt?
- Wird er vielleicht zu oft in Situationen eingesetzt, in denen der Hund noch überfordert ist?
Wenn der Hund nicht kommt, ist das kein Trotz – sondern ein Hinweis auf Trainingslücken oder zu hohe Anforderungen.
„Der Hund reagiert trotzig“
Auch das ist eine klare Vermenschlichung.
Stattdesse sollten wir uns die Gesamtsituation anschauen:
- Gab es vorher Stress, den wir Menschen nicht wahrgenommen haben?
- Ist der Hund überfordert oder unsicher?
- Könnte es sich um eine Übersprungshandlung handeln?
- Haben sich Rahmenbedingungen oder unser eigenes Verhalten verändert?
Viele Faktoren spielen hier zusammen - oft mehr, als uns bewusst ist.
Alter und Entwicklung nicht vergessen
Gerade im Welpen- und Junghundealter ticken Hundegehirne noch ganz anders.
Viele Situationen sind neu und müssen erst durch Wiederholung und Erfahrung gelernt werden. Junge Hunde sind außerdem deutlich stressanfälliger und reagieren sensibler auf Umweltreize.
Wir dürfen nicht vergessen: Hunde erleben die Welt vollkommen anders als wir.
Was für uns Alltag ist, kann für einen Hund eine massive Reizflut bedeuten.
Die Rolle des Menschen: Was Hunde wirklich brauchen
Statt Strenge oder Härte brauchen Hunde vor allem:
- klare Regeln und verlässliche Strukturen
- eine eindeutige, einheitliche Kommunikation
(alle Menschen nutzen die gleichen Signale, für alle gelten die gleichen Regeln) - konsequente, gleichbleibende Konsequenzen
(entweder Sofa – oder eben nicht) - bewussten Umgang mit den eigenen Emotionen
(Stimmungsübertragung spielt eine große Rolle) - Training in kleinen, realistischen Schritten
- Management statt Strafe
- das Erkennen und beachten von Bedürfnissen
(Ruhe, Bewegung, Sicherheit) - gezielter Verhaltensaufbau statt reines Unterbinden
Warum der Satz „Der testet seine Grenzen aus“ problematisch ist
Diese Aussage führt schnell zu Missverständnissen.
Wir vermenschlichen unseren Hund und unterstellen ihm Absicht oder Provokation. Das kann dazu führen, dass wir unnötig streng werden oder zu Strafen greifen, weil wir glauben, „durchgreifen“ zu müssen.
Das fördert Dominanzdenken, erzeugt Frust auf beiden Seiten und schadet langfristig der Beziehung.
Dabei zeigen Hunde keine Provokation, sondern Verhalten.
Jeder vermeintliche „Regelbruch“ ist ein Hinweis auf:
- fehlendes oder verbesserungswürdiges Training
- Überforderung
- Lernlücken
Wenn du das Gefühl hast, dein Hund testet deine Grenzen, lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten und die Gesamtsituation zu betrachten:
- Waren die Regeln wirklich klar?
- Waren die Konsequenzen immer gleich?
- War dein Hund der Situation vielleicht noch nicht gewachsen?
Hunde wollen nicht ärgern - sie wollen verstehen.
Und genau dabei unterstützen wir euch gern.
Wenn ihr euch unsicher seid oder Unterstützung braucht, steht euch Pfotenfreunde jederzeit zur Seite.
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